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30. August 2021

Medienmitteilung t.: Zertifikatspflicht im Theater? Pro und Kontra

Die vom Bundesrat in Aussicht gestellte Zertifikatspflicht führt auch in der freien Theaterszene zu heftigen Diskussionen. Daher hat t. Theaterschaffende Schweiz seine Mitglieder befragt. Über 500 Veranstalter*innen, Agenturen, Techniker*innen und Künstler*innen haben geantwortet. Wichtiger als die Zahlen scheinen uns aber die Argumente unserer Mitglieder.

Gemäss der Umfrage von t. Theaterschaffende Schweiz bei ihren Mitgliedern befürworten 58% den obligatorischen Einsatz eines Covid-Zertifikats als wirksame Massnahme. Es gibt aber auch zahlreiche Stimmen (42%), die sich gegen eine Zertifikatspflicht für Kulturanlässe aussprechen.

Pro und Kontra
Die Mehrheit unserer Mitglieder könnte mit einer Zertifikatspflicht leben. Allerdings sprechen sich 68% gegen die «Privatisierung» von Testkosten aus. Mehrere Veranstalter*innen verlangen bereits heute ein Zertifikat von den Besucher*innen. Das sind zusammengefasst die wichtigsten Argumente der Befürworter*innen:

  • Ein Zertifikat schafft Rechtssicherheit und Klarheit: weniger Diskussionen an der Kasse. Maskenpflicht sei nicht immer leicht durchsetzbar.
  • Das Publikum fühlt sich sicherer. Ohne Zertifikat kommen viele nicht.
  • Andere Massnahmen wie Contact-Tracing, Abstand usw. sind aufwändiger.
  • Ein Barbetrieb, der oft einen wichtigen Teil der Einnahmen einer Spielstätte ausmacht, ist ohne Zertifikat ohnehin nicht möglich.
  • Mit Zertifikat können die Sitzplätze wieder gefüllt werden. Viele Veranstalter*innen kommen mit nur 2/3 Auslastung finanziell nicht über die Runden.
  • Weil die Menschen so zur Impfung motiviert werden und die Pandemie damit hoffentlich rascher besiegt werden kann.
  • Es gibt momentan keine bessere Alternative, um eine weitere Schliessung zu verhindern.

42% sprechen sich gegen eine Zertifikatspflicht aus. Veranstalter*innen, die diese Meinung vertreten, haben in den letzten Monaten mit bisherigen Schutzkonzepten gute Erfahrungen gemacht. Das sind zusammengefasst die wichtigsten Argumente der Gegner*innen:

  • Kulturanlässe müssen allen Menschen offen stehen. Keine Zweiklassengesellschaft! Durch eine Zertifikatspflicht mit gleichzeitiger «Privatisierung» der Testkosten werden ungeimpfte Menschen faktisch ausgeschlossen. Das darf nicht sein.
  • Das Zertifikat gaukelt falsche Sicherheit vor, die Leute werden unvorsichtig.
  • Die entwickelten Schutzkonzepte haben sich gut bewährt.
  • Es besteht ein grosses Risiko, dass noch weniger Publikum kommt. Das hiesse weitere Einnahmeverluste, die nicht mehr zu verkraften wären.
  • Die Kontrolle wäre zu aufwändig, gerade bei ehrenamtlich betriebenen Spielorten.
  • Die Mitarbeiter*innen sind auch nicht alle geimpft. Ein*e Veranstalter*in kann nicht alle 2-3 Tage für jede dieser Personen Tests bezahlen. Ehrenamtliche Mitarbeiter*innen wollen sich nicht auch noch jedes Mal testen lassen.

Unterschiede respektieren
Die Umfrageergebnisse werten wir nicht als «Spaltung» sondern als Ausdruck unterschiedlicher Realitäten. Je nach Spielstätte, lokaler Verankerung oder Publikum kann das Zertifikat eine gute Lösung sein oder auch nicht. Die Theaterschaffenden haben in den letzten Monaten mit viel Aufwand und strengen Schutzkonzepten ihren Beitrag für sichere Theatererlebnisse trotz Pandemie geleistet, und sie sind bereit, dies auch weiterhin zu tun. Eine generelle Zertifikatspflicht dürfte den Besonderheiten der unterschiedlichen Spielstätten zu wenig Rechnung tragen. Es wäre wünschenswert, dass Theater, die mit herkömmlichen Schutzkonzept gut und sicher arbeiten konnten, dies so lange wie nötig auch weiterhin tun können.

Klare Spielregeln
Unabhängig von unseren Umfrageresultaten müssen die Bedingungen rund um das Zertifikat und seine Auswirkungen geklärt werden:

  • Eine Zertifikatspflicht muss zeitlich befristet werden. Hier braucht es klarere Angaben: Wie oft und aufgrund welcher Kriterien wird die Zertifikatspflicht überprüft? Unter welchen Bedingungen wird sie wieder aufgehoben?
  • Testkosten sollen auch weiterhin vom Staat übernommen werden. Dies nicht nur im Interesse der einzelnen Personen, die sich für ein Zertifikat testen lassen, sondern aus gesundheitspolitischen Überlegungen: Gerade in der risikoreichen Zeit Herbst/Winter muss der Staat die Entwicklung der Pandemie verfolgen können.
  • Die Zertifikatspflicht darf nicht am Schluss an der Kultur hängen bleiben, während Beizen, Läden, Fitnesscenter oder vergleichbares bereits wieder davon befreit wären.
  • Die Zertifikatspflicht ist eine Auflage, die für betroffene Veranstalter*innen und Theatergruppen zahlreiche Fragen und Schwierigkeiten mit sich bringt. Hier müssen gemeinsam mit den Verbänden gute, kulturaffine Lösungen gefunden werde, beispielsweise durch Anpassung der Berechnung der Ausfallentschädigung oder Ausnahmen für die Angestellten der Kulturbetriebe (Testkostenübernahme).
  • Das Gleiche gilt für Schulvorstellungen sowie für die auf Kinder und Jugendliche ausgerichteten kulturellen und kreativen Aktivitäten: Auch wenn diese in einem Theater stattfinden, müssen hier die Regeln für Schulen angewendet werden. Schüler*innen einer Klasse sollen gleichbehandelt werden, auch wenn sie über 16 Jahre alt sind.

Weiterführung der wichtigen Entschädigungen
Im Kulturbetrieb herrscht nach wie vor keine Normalität. Kulturanlässe sind immer noch stark belastet von Mehraufwand und Mindereinahmen, und dies wird sich auch mit einer allfälligen Zertifikatspflicht nicht ändern, sondern allenfalls noch verschärfen. Daher sind Theaterbetriebe und Theaterschaffende dringend weiterhin auf die Möglichkeit von Unterstützungsleistungen wie Ausfallentschädigung, Nothilfe, Corona-Erwerbsersatz und Kurzarbeitsentschädigung auch für befristet Angestellte angewiesen. Diese Massnahmen laufen Ende Jahr aus, was zu zusätzlichem Druck in einer ohnehin schwierigen Situation führt. Die Verlängerung muss deshalb unbedingt in der Herbstsession thematisiert werden.

Dialog
t. Theaterschaffende Schweiz setzt weiterhin auf die Vielfalt von Meinungen und Positionen als wichtige Ressource; dabei ist die Gewährleistung eines offenen Raumes für Dialog und Konfrontation unabdingbar.

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