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8. Februar 2024

Nachruf auf Paul Weibel

Ende Dezember 2023 verstarb Paul Weibel im Alter von 80 Jahren in Baden. Paul Weibels Familie, seinen Liebsten und den Personen, die ihn gekannt haben, sprechen wir unser aufrichtiges Beileid aus.

Paul Weibel war Schauspieler und Regisseur. Er war Macher und Ausprobierer, Pionier und Neudenker, Vermittler und Möglichmacher. Die Gesamtheit seiner Talente, sein Charisma und sein grosses Engagement machen ihn zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der freien Theaterszene in der Deutschschweiz. Diese gestaltete er ab Anfang der 1970er-Jahre als Theaterschaffender und später als Interessenvertreter gemeinsam mit Gleichgesinnten aus.

1971 entstand in Baden die Claque, die erste freie Theatergruppe mit einem festen Ensemble. Paul Weibel war nicht nur ihr Geburtshelfer, sondern innerhalb ihrer selbstverwalteten, kollektiven und demokratischen Struktur auch Primus inter pares. Die Claque und die sich formierende Freie Szene waren stark vom 68er-Geist geprägt und schufen eine Art des Theaters, das sich in einer gesellschaftspolitischen wie gesellschaftskritischen Verpflichtung sah. Es brach gegenüber den Stadttheatern mit Hierarchien und experimentierte mit neuen Formen der Aufführung, des Vortrags und der Interaktion. Neue Räume wurden dafür erschlossen: Alte Keller wurden zu Theatern, und selbst öffentliche Räume – etwa ein Tram – wurden zu Aufführungsstätten.

Die Claque – und inmitten dieser ein vorantreibender Paul Weibel – sollten Anfang der 1980er-Jahre die Idee einer Vereinigung Gleichgesinnter andenken und umsetzen. Was am 27. Juni 1982 in Form eines Austausches unter freien Theaterschaffenden am Zürcher Theaterspektakel begann, mündetet am 31. Oktober 1983 in die Gründung der Vereinigten Theaterschaffenden der Schweiz, kurz VTS. Der VTS firmierte bis 2009 unter diesem Namen, dann wurde er in ACT unbenannt. 2018 fusionierte ACT mit der KTV ATP zu unserem heutigen Verband t. Theaterschaffen Schweiz.

Der VTS hatte das Ziel, als Interessenvertretung die Kräfte der freien Szene zu bündeln, ihr eine Stimme zu geben und sie als berechtige Kunstform auf kulturpolitischer und gesellschaftlicher Ebene sichtbar zu machen. Paul Weibel wurde der erste Präsident des VTS. Er übte dieses Amt vier Jahre aus. Bis 1989 war Paul Weibel zudem Co-Präsident des Centre Suisse ITI, das die Interessen des Schweizer Theaterschaffens beim Internationalen Theaterinstitut vertrat.

Paul Weibel führte den VTS, wie er Theater machte: Mit starker Ausstrahlung, zielstrebig, beharrlich. Er setzte sich mit viel Herzblut für die Interessen und Bedürfnisse der Freien Theaterschaffenden ein. Im Bereich der Kulturpolitik wurde er immer wieder beim BAK (damals noch das «Bundesamt für Kulturpflege») und bei der Kulturstiftung Pro Helvetia vorstellig, um die Verbandsförderung voranzutreiben, sowie ein verbindliches Konzept für die Förderung des freien Theaterschaffens und Transparenz bei der Vergabepolitik einzufordern. Der VTS baute zudem feste Kontakte über die Sprachgrenzen hinweg mit anderen Verbänden auf und sensibilisierte über die Öffentlichkeitsarbeit für die Anliegen der freien Szene.

Paul Weibel war jedoch nicht ein Präsident, der atemlos von Podium zu Podium eilte. Stattdessen machte er weiter als Regisseur Theater, das durch seine Inhalte relevant war und damit auch die Relevanz der freien Szene untermauern sollte. Sein Credo: Es zählt der Inhalt, die Aussage und die Menschen, die das Theater machen. So machte er unter anderem jahrelang Theater mit Menschen aus dem Armenviertel in Valencia, oder mit gehörlosen Personen im Rahmen des Stücks «Und die Sprache bewegt sich doch», das 1997 unter anderem im Tojo Theater in Bern gezeigt wurde. «Kultur muss verantwortungsvoll sein und darf nicht zum Produkt verkommen», sagte Paul Weibel einmal. Dies sollte sein Kompass in seiner gesamten Theaterarbeit sein, in der für Eitelkeit und Hochmut kein Platz war.

Acht Jahre lang, bis 1997, war Paul Weibel Mitglied der Theaterkommission Zürich. Dies zusammen mit Christian Haller, der vorher Dramaturg bei der Claque war und zudem ebenfalls Präsident des VTS. «Paul war ein integrer Mensch. In der Kommission achtete er auf Qualität und war in seinem Urteil unbestechlich», erinnert sich Christian Haller. «Jedoch war er stets für Argumente zugänglich und änderte auch seine Meinung, wenn ihn diese überzeugten.»

Paul Weibels Werk als Theaterschaffender ist so umfassend wie vielseitig. Nach seiner Zeit bei der Claque und dem VTS arbeitete er ab den 1990er-Jahren in vielen Projekten mit, etwa zusammen mit dem Duo Fischbach und mit Flurin Caviezel, oder als Co-Regisseur bei «Karl’s kühne Gassenschau». Er unterrichtete zudem an der Schauspielakademie Zürich und an der Hochschule für Musik und Theater in Bern.

Am 23. Dezember sagte Paul Weibel «Adiós». So steht es wortwörtlich in seiner Traueranzeige, und: «Ich bin gegangen – wohin auch immer». Zurück bleibt die Erinnerung an einen besonderen Theaterschaffenden und Menschen, der die freie Theaterszene hierzulande wie wenige geprägt hat.

Nachruf CH Cultura

Nachruf Paul Weibel, NZZ am Sonntag

Nachruf im Bündner Tagblatt, verfasst von Flurin Caviezel

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